Photoweekend 2017



Martin Müller - dasgehtinsAuge - 18.01.2017

Martin Müller ist einer, der die Bilder sammelt wie sie kommen, weil er sie versteht und dem es nicht graust, vor dieser täglichen Bildermaschine, weil er sie nutzt: Von der Tapete bis zur Tageszeitung, Anregungen findet er jedenfalls in allem, was ins Auge geht. Er dekodiert die Bilderindustrie und zähmt sie zugleich. Wie dressierte Pferde springen Alligatoren, Anzugträger, PinUps für ihn über die Hindernisse und landen genau auf dem Gemälde oder dem Papier.
Seine opulenten Leinwände führen auf vielfältige Wege in die Umlaufbahnen von Geschichte, Kunst und Kunstgeschichte.
Eine bildnerische Wunderkammer, die auch immer wieder, zwangsläufig, eine Art Kuriositätenkabinett ist. Der Rest, der auch die Hauptsache ist, findet im Kopf statt oder bei all dem, was ins Auge geht.
Martin Müller zeigt in dieser Ausstellung auf seine eigene, sehr prägnante und private Weise wie eine ‚individuelle Mythologie‘ heute aussehen kann. In dieser Ausstellung verbindet sich Naturmystik mit Geometrie und Gestus – hier wird Farbe Affekt und umgekehrt.
Diese Bilder streben in alle Richtungen und werden doch zusammengehalten von der originären Kraft eines einzigen künstlerischen Entwurfs.
Ausgangspunkt von Martin Müllers künstlerischem Werdegang ist eine Biographie, die ihn von Emmerich am Rhein, wo er 1961 geboren wurde, über seine Studienzeit in Köln nach Dresden und Berlin führte, wo er zur Zeit lebt und arbeitet. Als Maler, Gestalter und Ausstellungsmacher bewegt er sich in einer fließenden Grenzgängerschaft zwischen den Disziplinen.
Und genau diese Grenzgängerschaft ist auch ein Charakteristikum seiner Kunst. Besichtigen lässt sich ein implodierender Mythos; ein Künstler, der sich nicht auf einen Stil, ein Motiv, einen Ausdruck reduzieren lässt. Einer, der sich einlässt auf die langwierige Suche nach einer eigenen Bildsprache, nach Bildern von Bildern; einer, der als Künstler die Bedingungen des eigenen Denkens erforscht. Alles ist in Bewegung, nicht wirklich greifbar. Es ist, als würde man sich mit jedem weiteren Wort mehr von den Bildern entfernen und ihre Rätselhaftigkeit bestätigen.
Martin Müller agiert wie ein DJ, der die Musik/also die Bilder zuerst zerlegt, dann deren Elemente neu komponiert, verfremdet, auflöst, zitiert, damit etwas Neues, etwas Unerhörtes, etwas Ungesehenes entstehen kann.
Nur eins ist gewiss bei all dem, was unser Auge fordert, diese Bilder offenbaren das Chaos einer Welt, in der es moralisch kein Halten gibt.
Auf den ersten Blick Fragen über Fragen: Was oder wer ist das? Sind die Titel Anhaltspunkte oder führen sie in die Irre? Sind das politische, kritische Statements? Mit Sicherheit! Geht es um Fragen von Kunst und Design? Unbedingt!
Gäbe es die Titel nicht, wären wir ja völlig orientierungslos und auf uns allein gestellt. Aber ist Letzteres nicht auch genau das Spannende daran?Einfach selber sehen? Unseren Augen trauen!
Martin Müller sättigt seine sagenhaften Leinwände mit malerischen Zeichen, mit Farbe, Graphik, Fotofragment, Ornament. Es entstehen Sedimentschichten, in denen Malerei, Literatur, Philosophie und Ethnologie zusammenfinden. Robert Smithson, der große landart Künstler hat das einmal die „Sedimentierung des Geistes“ genannt.
Es mischt sich Politisches mit Privatem, Mythologisches mit Metaphysischem, found-footage- Fotografie mit einem malerischen Gestus und zwischendurch wird einfach geschmiert.
Das alles bildet ein schon sehr bizarres Szenario, ein schier überwältigendes Amalgam aus Versatzstücken von Fakten und Fiktionen, von Figurationen und Abstraktionen, von Porträts und Personalien, die hier wie in Goethes Zauberlehrling den Aufstand proben. Mickey Mouse meets Caravaggio. Foto morgana oder eine künstlerische Welt als Wille und Vorstellung? Und das alles ‚lost in translation‘. Na denn, ‚Good Luck‘!
Auch stilistisch ein absolutes Crossover: Malerische und fotografische Mimesis korrespondiert mit gestischer Abstraktion, Totems mit Tabus und dann plötzlich beschwört er die Suggestionen ganz einfacher hard-edge Figuren. In an- oder abschwellenden geometrischen Formen testet er dynamische Strukturen, die eine eigentümlich op-artige Sogwirkung entfalten.
Auffällig auch Müllers unerschrockene Farbgebung, genauso unerschrocken wie die Themenwahl: Hitler und Alligatorenfrass hinter pastoser Bonbonbuntheit. Das geht eben zuweilen wie mit Bunuels berühmter Rasierklinge direkt durchs Auge.
Martin Müller praktiziert das Machen als Finden. Auf diese Weise schließen sich seine Arbeiten nur im Augenblick zu einer kohärenten Bildgestalt zusammen. Die Einheit des Bildes kann kaum festgehalten werden. Sobald sie kurz gewonnen ist, zersplittert sie im nächsten Moment in viele Facetten. Die Bildelemente sind wie die Wörter einer Sprache, deren Syntax wir (noch) nicht kennen.
Über die Fläche eilende Notate, Schriftzeichen und flüchtig hingeworfene Buchstaben nähren den Verdacht, dass es tatsächlich allerhand zu entziffern gibt. Vielleicht liest man aber auch deshalb so gerne in seinen Bildern, weil sie in ihrem Grunde frei bleiben für alle Assoziationen, weil sie nie dogmatisch eindeutige Botschaft verordnen.
Martin Müller sagt es selbst so: „Sie bilden eigenständige, verschachtelte Ebenen und bleiben disparat, eindeutig, vieldeutig und offen. Oszillierend im Zueinander. Die so entstandenen visuellen und gedanklichen Räume kann nur der Betrachter füllen. Jedes Mal aufs Neue.“ „Sinnlos, über Klassifizierungen oder Kategorien nachzudenken, es gibt keine!“ so Robert Smithson. Nur eins ist sicher: es sind Bilder, die mit der Wirklichkeit, dem Gegebenen, zu tun haben und den Riss zeigen, der durch sie hindurch geht. Voller Gegenwart, Leben, Humor und Herz. Wie der Künstler selbst. Im Gesamtblick wird klar, welch wahnwitziges Unternehmen diese Ausstellung in der Weithorn Galerie geworden ist:
eine private Mythologie,
eine Sammlung von Lebens- und Leseeinsichten,
bildungsschwer, kritisch, hybride, nonchalant, schrill,
in Sequenzen voll Humor und Selbstironie und in der unbedingten Subjektivität absolut wahrhaftig.
Doch ... das Beste daran ist: Diese Bilder hören nicht auf zu erzählen.
Helga Scholl, Kunsthistorikerin




Martin Müller
In seiner Arbeit als Maler, Gestalter und Ausstellungsmacher bewegt sich Martin Müller in einer fließenden Grenzgängerschaft zwischen den Disziplinen. Die Übergänge sind pulsierend durchlässig, dennoch hat jedes Medium seine eigene Sprache und künstlerische Ausformung, um wiederum zu einer konzeptuellen Einheit im Werk zu verschmelzen.
Durchdrungen von geistigen Bezügen, unerwarteten Überlagerungen und transformierendem Humor werden komplexe Spannungsräume zwischen gestischer Berührung und poetischer Entladung geschaffen.
Nicht selten basieren seine Bilder auf Found Footage-Fotografien, die entweder als Bild im Bild monochrom gemalt in unzählige Tonstufen zerlegt werden oder als Fine Art-Prints auf Leinwand gedruckt sind, die durch „realistisch“ gemalte Zitate überlagert werden.
Letztere Methode lässt Foto-Grafisches als „Realität“ auf der „Realität“ des reproduzierten Fotos gleichberechtigt neben Expressiv-Gestischem und sprachlichen Notationen stehen, ohne dass diese „aufeinander zu gemalt“ sind. Sie bilden eigenständige, verschachtelte Ebenen und bleiben disparat, eindeutig, vieldeutig und offen. Oszillierend im Zueinander. Die so entstandenen visuellen und gedanklichen Räume kann nur der Betrachter füllen. Jedes Mal aufs Neue.


Martin Müller
In his work as painter, designer and curator Martin Müller is ranging as floating border crosser between the disciplines. The transistions are vibrant diaphanous, but every medium has it`s own language and artistic expression to melt together again in a conceptual unity in the work.
Steeped by spiritual relations, unexpected superimpositions and transforming humuor complexe tension spaces between gestural contact and poetic discharge get created.
Not rarely Martin Müller´s art is based on found footage photography which is painted monochron in countless colour grades as picture in picture or as „fine art print“ printed on canvas, which get overlaid by „realistic“ quotations.
The latter method is leaving the photo-graphic element as „reality“ on the „reality“ of the reproduced photography equal next to the expressive gesture and linguistic notations, without painting these layers correlating to each other. The layers are creating an independent interlaced level and stay disperat, distinct, ambiguous and open. Oscillating to each other. These methods create visual and mental spaces in such a way only the viewer can fill. Every time anew